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Arbeit am Werkstück mithilfe von Infos aus der Datenbrille: Klassisches und virtuelles Lernen werden kombiniert. Foto: Peter Boettcher
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Weiterbildung 4.0: Webinar statt Seminar

Die Digitalisierung revolutioniert auch die Weiterbildung.

Text: Lothar Schmitz

Die erfahrenen Kolleginnen und Kollegen stöhnen. Schon wieder eine Produktschulung in voller Länge. Sie kennen sich aus, sie haben jahrelange Erfahrung – und müssen den Lehrgang zusammen mit den neuen Vertrieblern trotzdem wieder komplett über sich ergehen lassen. Sie sind genervt – und demotiviert. Genau wie die vielen hundert Beschäftigten eines anderen großen Unternehmens, die nach und nach durch eine Anwendungsschulung geschleust werden, weil die Firma eine neue Software einsetzt. Die Schulungen ziehen sich – bis der letzte sie durchlaufen hat, hat die erste bereits manche Inhalte vergessen, noch bevor die Software überhaupt an den Start gegangen ist.

So war das, bis die Digitalisierung auch im (Weiter-)Bildungswesen Einzug hielt. So ist es in vielen Unternehmen noch heute. Doch geht die Ära des „analogen Lernens“ definitiv dem Ende entgegen. Überall werden neue, elektronische Lernformen erprobt, denn die Digitalisierung macht’s möglich.

Das zentrale Stichwort lautet: „Blended Learning“. Der Begriff ist nicht ganz neu, doch mit der zunehmenden Digitalisierung nehmen Seminarkonzepte, bei denen herkömmliche Schulungselemente mit elektronischen Bausteinen verknüpft werden, rapide zu. Dafür gibt es neben der neuen Technik einen weiteren Grund: Einzelne Schulungen und komplette Lehrgänge werden deutlich effizienter, kostengünstiger und motivierender.

Der langjährige Trainer und Dozent Dr. Robert Freund bietet zum Beispiel im Bildungszentrum der IHK Köln  regelmäßig den Zertifikatslehrgang „Projektmanager/-in (IHK)“ an – und hat ihn schon früh als „Blended Learning“-Lehrgang konzipiert. Kennzeichen: eine Mischung aus Präsenz und Online-Schulung. Auf einer Lernplattform können Inhalte individuell vertieft, die gemeinsame Fallstudie bearbeitet, Foren, Wiki und Chat genutzt und Aufgaben gelöst werden. Möglich sind bei derartigen Lehrgängen inzwischen auch präsenzähnliche Sitzungen im virtuellen Klassenraum, in denen Teilnehmer per Webcam zugeschaltet sind.

Die Rolle des Trainers wird dabei übrigens nicht obsolet: „Inhalte können sich Weiterbildungsteilnehmer elektronisch selbst aneignen“, sagt Professor Dr. Wolfgang Prinz, der sich am Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT in Sankt Augustin unter anderem Gedanken über das digitale Lernen macht, „doch die Anleitung, Strukturierung, Diskussion und Bewertung, das ist und bleibt Lehreraufgabe.“

Der Lehrer wird nie überflüssig werden, meint Prof. Dr. Wolfgang Prinz, der zu neuen Formen des Lernens forscht.
Foto: Peter Boettcher

Digitales Lernen – Vorteile und Trends:

Lernen, wo und wann man will
„Die Kunst ist die richtige Kombination aus Online-Lernen und herkömmlichen Lehr- und Lernmethoden“, betont Freund. Die Vorteile von Online-Lernen: zeitliche und räumliche Unabhängigkeit für Dozenten und Teilnehmer. Präsenzphasen lassen sich zugunsten des Online-Lernens reduzieren. Das schafft Freiräume – die Weiterbildung lässt sich besser mit beruflichen und privaten Belangen kombinieren, Unternehmen erhalten mehr Flexibilität in der Planung der Anwesenheits- und Lernzeiten ihrer Beschäftigten.

Das Lernprogramm passt sich dem Lernenden an
Rainer Illing, Gründer und Geschäftsführer des E-Learning-Unternehmens ILT Solutions in Köln-Mülheim , rechnet mit einem Boom sogenannter „adaptiver Verfahren“. Das sind elektronische Lernprogramme, die sich den Lernenden anpassen. Sie bieten sich zum Beispiel bei Verkäuferschulungen oder Produkttrainings von Pharmareferenten an – immer dort also, wo viele Lernende mit unterschiedlichem Vorwissen aufeinander treffen. „Der Profi mit 20 Jahren Verkaufserfahrung benötigt viel weniger Zeit, um sich das zusätzliche Wissen anzueignen, als der Neuling“, weiß Illing. Adaptive Verfahren sorgen dafür, dass jeder in seinem individuellen Tempo lernen kann. Sein Unternehmen hat zum Beispiel für Bayer solche Lerninstrumente entwickelt, die spielerisch und individuell abkürzbar zum vorher festgelegten Ziel führen. „Das sorgt für viel Akzeptanz und Motivation“, beobachtet der Bildungsprofi.

Lernen „auf Vorrat“ gehört der Vergangenheit an
Das ist ein wichtiger Trend der Digitalisierung: „Wir werden künftig immer weniger ‚auf Vorrat‘, dafür immer mehr in Bezug auf den jeweils konkreten Kontext lernen“, weiß Fraunhofer-Experte Prinz. Das entsprechende Stichwort lautet: „Performance Support“.
Azubis etwa könnten laut Prinz demnächst mit einem „Wearable“, also beispielsweise einer Brille mit integriertem Mini-Computer, ausgestattet sein. Wenn sie im Betriebsalltag eine konkrete Aufgabe bewältigen müssen, könnten sie über den integrierten Mini-Bildschirm beiläufig und gezielt Instruktionen erhalten, statt zuvor aufwändig geschult zu werden.
Auch könnten sich viele Unternehmen zeit- und kostenaufwändige Standardschulungen zu jedem Software-Update sparen; die Beschäftigten erhielten stattdessen auf elektronischem Wege an ihren Arbeitsplätzen konkrete Instruktionen zu den Neuerungen. „Damit erreichen Sie, falls gewünscht, auch 10.000 Menschen auf einen Schlag“, weiß E-Learning-Spezialist Illing, „wofür Sie mit herkömmlichen Schulungen Wochen oder Monate bräuchten.“

Zum Seminar gesellt sich das „Webinar“
Wenn im April die neue digitale Lern-Plattform der IHK Köln, ein Service für Absolventen der IHK-Zertifikatslehrgänge und für interessierte Unternehmen des IHK-Bezirks, freigeschaltet wird, bietet Trainer Dr. Robert Freund erstmals auch die Form des „Webinars“ an. Noch enger als bisher verknüpft er Unterricht, Präsentationen und Diskussionen im echten Kölner Seminarraum mit Online-Elementen. Letztere gehen über oben geschilderte Aspekte wie das individuelle Lösen von Aufgaben auf einer elektronischen Lernplattform hinaus. „Auch Kooperation, Interaktion, Diskussion werden online möglich sein“, plant Freund. Idealerweise finden sich die Teilnehmer zu einer Online-Community zusammen. Zudem kann Freund per Video Experten zu Spezialthemen hinzuschalten, ohne dass die eigens anreisen müssen.

Beleuchtete Wege führen zum (Lern-)Ziel: Eine Studentenarbeit im Fraunhofer Institut für Angewandte Informationstechnik.
Foto: Peter Boettcher

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Bernd Leuchter

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