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Denkender Handschuh von ProGlove Foto: Bernhard Huber
Service

Wie wir morgen arbeiten

Die Digitalisierung revolutioniert die Arbeitswelt. Wie Unternehmen produzieren, Mensch und Maschine kommunizieren, wie und wo Beschäftigte arbeiten: Nie zuvor hat sich das Arbeitsumfeld so schnell so radikal geändert.

Text: Eli Hamacher

Ein Handschuh, der wärmt, schützt oder einfach nur gut aussieht? Das war gestern. Heute denken Handschuhe mit. Mitarbeiter in Fertigung oder Logistik streifen die mit Sensoren ausgestatteten digitalen Helfer über. Das „wearable“ des Münchner Start-ups Workaround GmbH zeigt dann an, ob die Beschäftigten etwa das korrekte Bauteil verwenden oder den Arbeitsschritt richtig umsetzen. Dank RFID-Technologie ersetzt der smarte Handschuh auch den Scanner, ganz praktisch ohne Extra-Gerät.

Die Digitalisierung der Wirtschaft, kurz Industrie 4.0, elektrisiert die Unternehmen. Getrieben durch das Internet wachsen reale und virtuelle Welt zu einem Internet der Dinge zusammen. Nach Einsatz von Wasser-und Dampfkraft, Fließbändern und Mikroelektronik wird die mit der vierten industriellen Revolution einhergehende Integration von IT in den Produktionsprozess Arbeitsabläufe und -inhalte ein weiteres Mal massiv verändern.

„Fachwissen über Informationstechnologie wird zur entscheidenden Kompetenz in der Arbeitswelt 4.0“, ist Andreas Gontermann, Chefvolkswirt Zentralverband Elektrotechnik-und Elektroindustrie, überzeugt. Für Bernhard Rohleder, Geschäftsführer des Digitalverbandes Bitkom, steht fest, dass „die digitale Transformation alle Berufe betrifft, vom Handel über die Industrie bis hin zum Handwerk“. In einer 2015 durchgeführten repräsentativen Umfrage des Bitkom sieht vor allem der Mittelstand einen großen Bedarf an neuen Ausbildungsberufen. 40 Prozent der Unternehmen mit 50 bis 499 Beschäftigten plädierten für die Einführung gänzlich neuer Ausbildungsprofile, 68 Prozent befürworten Anpassungen bei den bestehenden Berufsbildern.

Der Einzelhandel diskutiert bereits über einen Beruf, der das Thema E-Commerce aufgreift. Die Industrie führte schon 2008 den Produktionstechnologen ein, der industrielle Produktionsprozesse plant und betreut. Nach verhaltenem Start bilden jetzt Bosch & Co verstärkt diesen Beruf aus. Auch Kfz-Mechatroniker und Kfz-Elektroniker brauchen vermehrt Informatikkenntnisse. Schließlich arbeiten die Autohersteller fieberhaft an selbstfahrenden Wagen, die schon 2020 über die Straßen rollen sollen. Und erst die Einbindung von Echtzeitinformationen aus dem Verkehr macht das Fahren sicher und komfortabel. Auch die Bau-und Hausgeräteindustrie kommen ohne intelligente Technik nicht mehr aus.

Mit den Arbeitsinhalten ändern sich Arbeitsorganisation und -rahmenbedingungen. Via Cloud können sich die Beschäftigten weltweit in virtuellen Teams vernetzen, gemeinsam an Projekten arbeiten, zeitgleich oder zeitversetzt, um den Arbeitstag optimal zu nutzen. Macht der Deutsche Feierabend, übernimmt der amerikanische Kollege, der dann an die Chinesen übergibt.

Hoch qualifizierte und spezialisierte Fachkräfte bieten ihre Mitarbeit auf Webplattformen an, lassen ihre Kompetenzen und Angebote bewerten und versteigern ihre Mitarbeit zum bestmöglichen Preis an Firmen im Internet, die nach Bedarf externe Teams zusammenstellen, so ein Szenario des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO). Im Wettbewerb um die besten Fachkräfte werde „Corporate Life“ an Bedeutung gewinnen – die Bestrebungen von Arbeitgebern, Mitarbeiter und deren Familien verstärkt durch attraktive Angebote für Wohnen, Gesundheit und Freizeit an sich zu binden. Auch Aus-und Weiterbildungsangebote werden integriert.

„Doch starre arbeitszeitrechtliche Regelungen können diesen Flexibilitätspotenzialen im Wege stehen“, warnt der DIHK in einem Positionspapier. Die Umstellung von einer gesetzlichen Tages-auf eine Wochenhöchstarbeitszeit wäre daher aus seiner Sicht sinnvoll. Unterbleiben sollten hingegen neue Regulierungen und Bürokratielasten bei Werkverträgen, wie sie die Bundesregierung derzeit plant. „Die Digitalisierung befördert Arbeitsteilung und erleichtert dadurch den Markteintritt für Startups – etwa im Bereich von Softwarelösungen.“ Diese Leistungen würden aber vielfach im Rahmen von Werk-oder Dienstverträgen erbracht.

Beim digitalen Tempo hält jedoch längst nicht jeder Schritt. „Die Unternehmen müssen auch die Mitarbeiter mitnehmen, das findet noch zu wenig statt“, stellt der Kölner Kommunikationsberater Horst Pütz fest. Am ehesten gelinge dies, wenn man den Menschen vom Nutzen der neuen digitalen Techniken überzeugen könne. Gefordert sind vor allem die Führungskräfte mit ihrer Vorbildfunktion. „Doch gerade an der Spitze fehlt es oftmals an Know-how“, beobachtet der Experte und berichtet von guten Erfolgen mit dem sogenannten „Reverse Coaching“. Weniger technikaffinen Führungskräften werde ein junger sogenannter Digital Native an die Seite gestellt, um Berührungsängste ab-und Know-how aufzubauen. Gelingen kann das aber nur, wenn hierarchische Strukturen aufgebrochen werden. Ebenso wichtig ist es für Pütz, dass Unternehmen aktiv eine Fehlerkultur leben. Mitarbeiter dürften keine Angst haben, digitale Defizite offen anzusprechen. Pütz: „Vertrauen ist die DNA der Transformation, Begeisterung ist der Innovationsmotor der Transformation.“

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